Nachhaltiges Leben

„Hallo Papa…“

…was ich dir mal noch sagen wollte.

Am 5. Oktober ist es 15 Jahre her, dass mein Vater verstarb. Schon 15! Jahre, fiel Frank und mir auf, als wir die Blumen auf’s Grab legten. Leider achtete er nicht gut auf sich und hat uns viel zu zeitig verlassen. Oft gehe ich nicht auf den Friedhof aber in Gedanken ist er oft bei mir. Die Erinnerungen sind wertvoller als jeder Blumenstrauß auf dem Grab. Bei jedem großen und auch kleinen Schritt im Leben denke ich doch daran, wie er es empfunden hätte. Er wäre jetzt 74 Jahre alt. Das Leben ist jetzt doch so anders als vor 15 Jahren. Ich frage mich, was er gut finden würde, welches Neue er noch mitgemacht hätte. Würde er ein Smartphone benutzen, welches Auto würde er fahren?

Gerade beim Auto kamen mir gestern die Gedanken an ihn. Ich bin extra auf den Dachboden gegangen und habe mal in den alten Fotoalben gestöbert. Beim Anschauen ist mir aufgefallen, dass das Auto doch auch auf Fotos, und somit als „Familienmitglied“, eine große Rolle gespielt hat. Gern hat man sich mit dem aktuellen Modell fotografieren lassen. Das war schon in der Kindheit meines Vaters so und setzt sich durch die Jahre fort. Bei meinen Eltern war das nicht anders. Wir hatten auch zu DDR-Zeiten immer ein Auto. Das war schon ein Luxus, den sich meine Eltern aber leisten wollten. Waren sie dadurch doch unabhängig und konnten einfach mal, wenn auch nur im Osten, losfahren. Dadurch waren uns schöne Urlaube und Ausflüge möglich. Einkaufen waren wir eigentlich nie mit dem Auto, denn es gab in der Nähe eine „Kaufhalle“. Vielfahrer waren meine Eltern auch nicht, eher Genussfahrer. An jedem Automodell hängen Geschichten, die mir heute noch meine Mutter erzählen kann. Gerade erzählte sie mir von ihrem ersten gemeinsamen Auto: Es war ein Saborosch. Sie kauften ihn und gleich bei der Abfahrt ist er kaputt gegangen. Das ging dann auch weiter so. Nach dem Saborosch war es ein gebrauchter Trabant. Dann kam ein Polski Fiat, der auch irgendwie immer kaputt war. Einen Trabant und einen Wartburg hatten meine Eltern lange bestellt. Zum neuen Trabant kam es nie und der Wartburg war nach 17 Jahren Bestellung fällig, dann kam die Wende, da wollten sie den auch nicht mehr. Mit dem Auto waren doch immer recht viele Emotionen verbunden. An viele Dinge, die wir mit dem Jeweiligen erlebten, erinnere ich mich selbst auch noch. Damals empfand man ja als Kind eine Autofahrt als Erlebnis. Eine Urlaubsfahrt an die Ostsee war immer sehr interessant. Wir fuhren die A9, die als Transitstraße durch die DDR für Westdeutsche galt, Westautos gucken, sehr interessant ;-). Für mich jedenfalls. Da ging der Urlaub wahrlich an der Haustür los. Vielleicht bin ich deshalb so autoaffin weil ich so manche Reparatur und Schwierigkeit miterlebt hatte. Einmal bin ich mit meinem Papa in der Straßenbahn mit dem kaputten Fiat Auspuff zu seiner Werkstatt zum Schweißen gefahren. Dann im Urlaub wäre ich fast durch den Trabi geflogen, weil da beim Einparken eine Querrille in der Wiese war und die Vorderräder da reinrauschten. Benzin anstatt destilliertes Wasser auffüllen? – ich hab’s gerochen – falsch beschriftete Flasche. Im Saborosch gab es keine Gurte hinten. Da wurde ich schon wie in einem Nest eingebaut. Also die Autos spielten schon eine wichtige Rolle. Es hing ja auch immer viel Geld dran. Geld, das gespart wurde um es für’s Auto zu verwenden.

Seit 10 Jahren ist es ganz anders. Die Wartung und Pflege der Autos ist einfacher. Oder man kann selbst gar nicht mehr so viel machen. Nach der politischen Wende kamen meine Eltern auch noch in den Genuss von anderen Autos. Es vereinfachte doch vieles, obwohl sie damit auch nicht wesentlich mehr unterwegs waren, als früher. Aber man war stolz drauf, ein tolles Auto vor der Tür stehen zu haben. Welches Auto würdest heute fahren? Würdest du mit mir über Elektromobilität philosophieren? Oder würdest du selbst eines fahren?

Ich habe ja noch meine Mama. Die geht mit der Zeit und macht unsere Entwicklung einfach mit, so gut es geht. Von ihr höre ich die Vergangenheit und von mir bekommt sie die Zukunft erklärt. Wie gern hätte ich beide noch hier, zusammen, vielleicht in einem Elektroauto.

Papa, was ich dir mal noch sagen wollte: Ich stelle mir vor, du sitzt in einer Limosine, rot, elektrischer Antrieb und du fährst langsam und leise, winkend an mir vorbei.

Andrea

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